Die Projektarbeit der Pilotschulen

Die Schul-Cloud wird im Pilotprojekt nicht als fertiges Produkt mit einem vordefinierten Funktionsumfang an die Schulen ausgeliefert, sondern unter regelmäßiger Rückmeldung der Schulen von unten nach oben (bottom-up) entwickelt. Eine ganz wesentliche Rolle der 27 Pilotschulen des MINT-EC-Schulnetzwerks ist es daher, die aktuellen Funktionen zu testen und von dort aus sukzessive weitere Systemanforderungen zu sammeln, die dann nach Möglichkeit wiederum im System umgesetzt werden. Zunächst liegt der Fokus in dieser sukzessiven Entwicklung auf bestimmten Kernkomponenten (Unterrichtsplanung, Aufgaben-, Termin- und Dateiverwaltung sowie Materialrecherche), die lediglich als kleinster gemeinsamer Nenner gelten und durch andere, an Schulen bereits eingesetzte Dienste erweitert und ergänzt werden können und sollen.

Ich bin Projektkoordinator nicht auf Seiten des Hasso-Plattner-Instituts, sondern auf Seiten des MINT-EC-Schulnetzwerks, und habe einen professionellen Hintergrund sowohl in Lehre und Schulung als auch in der industriellen Softwareentwicklung. Meine Aufgabe im Projekt ist es, die Belange der Schulen als Anwender zu bündeln, in beide Richtungen zwischen dem HPI und den Schulen zu übersetzen (bzw. zwischen der technisch-akademischen und der praktisch-pädagogischen Welt) und die inhaltliche Arbeit der Pilotschulen zu koordinieren.

Da neue Technologie an Schulen ohne entsprechende Einsatzkonzepte kaum oder nur schwer zu einer wirklich nachhaltigen Anwendung gelangen kann, definieren die Pilotschulen – neben ihrer Rückmeldung zur Entwicklung – in drei Arbeitsgruppen auch die technischen, didaktischen und organisatorischen Rahmenbedingungen für die Einführung und Verwendung der Schul-Cloud. Ziel ist das Zusammentragen von Erfahrungen und Empfehlungen in einer Art von Good-Practice-Leitfaden oder FAQ, mit dessen Hilfe die Einführung der Schul-Cloud an nachfolgenden Schulen erleichtert werden soll.

Die AG Schulleitung und organisation klärt die organisatorischen Rahmenbedingungen für die Einführung (von der Einrichtung von Steuergruppen und konkreten Einführungsverfahren, über die Bekanntgabe und Information bis hin zu Formaten der Weiterbildung), wirkt mit an der Vision des guten Unterrichts und konkretisiert entsprechende Systemanforderungen auf der Ebene der Schulentwicklung. Neben einer ganzen Reihe von zusammengetragen Lösungen für einzelne organisatorische Fragen sind bereits Muster für Schulleiterbotschaft, Elternbrief und Mediennutzungsordnung, Hinweise zum Urheberrecht bei Lernplattformen und Ansätze zu einem Fortbildungskonzept entstanden.

Die AG Unterrichtsnutzung erarbeitet didaktische Konzepte, Evaluationskriterien und Lehr-Lernszenarien für die Nutzung der Schul-Cloud und damit verknüpfter Werkzeuge in Unterrichtsplanung, durchführung und -organisation. Die Ersterprobung im Unterricht findet zunächst punktuell in ein bis zwei Klassen pro Schule und mit bestimmten Schwerpunkten statt, um die technische, organisatorische und didaktische Durchführbarkeit und Vergleichbarkeit der Ergebnisse an allen Schulen zu gewährleisten. Mit der sukzessiven Weiterentwicklung der Funktionen, der Einbindung von Materialien und der Zunahme der Erfahrungen werden sich dann nicht nur die Zahl der Anwendungsszenarien und gruppen, sondern auch die didaktischen Konzepte in Breite und Tiefe ausweiten.

Die AG IT-Konzepte sammelt Erfahrungen und Empfehlungen für die notwendige IT-Ausstattung an Schulen. Da die Schul-Cloud von ihrer Architektur her ausschließlich auf vorhandene Internet-Technologien setzt, sind die technischen Voraussetzungen zur Nutzung vom Prinzip her auch die gleichen, die für eine breite Nutzung des Internets im Unterricht allgemein gelten. Aufgrund der sehr heterogenen Ausstattung und Ausrichtung an deutschen Schulen lagen hier bisher noch kaum umfassende schulübergreifende Ansätze und Erfahrungen vor. Die AG trägt ihre Erfahrungen für unterschiedliche Ausgangsszenarien und unterteilt nach Minimal-, Regel- und Idealbetrieb zusammen, so dass bereits erste Empfehlungen für technische Internet-Infrastruktur, Zugangsverwaltung, Organisation von Anwendungsgeräten, Content-Prüfung und eine frontale Projektionsfläche im Klassenraum entstanden sind. Das HPI hat kürzlich einige Voraussetzungen aus institutseigener Sicht veröffentlicht. Mit der praktischen Erprobung der Schul-Cloud werden weitere Daten und Ergebnisse hinzukommen.

Ein deutlicher Vorteil der gemeinsamen Produkt- und Konzeptentwicklung von unten nach oben ist aber zweifelsohne der Mitsprache- und Gestaltungsspielraum, der sich dadurch bereits von Beginn an für die eigentlichen Anwender – die Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler – ergibt. Was sie und ihre Schulen nutzen sollen, wird nicht von oben ausgewählt und vorgegeben – beispielsweise durch Ministerialausschüsse, Landesmedienzentren oder Schulträger – sondern soll sich vor allem aus dem ganz praktischen Bedarf der operativen Anwender und aus den Erfahrungen und Visionen eines guten Unterrichts ergeben. Neben dem bundesländerübergreifenden Ansatz, der unter anderem auch schulübergreifende Kooperationen ermöglicht, ist dies unter anderem auch ein ganz wesentlicher Unterschied zu den länderbasierten Cloud-Projekten, die zurzeit parallel entstehen.

Eine Kehrseite der sukzessiven Entwicklung und Erprobung ist vielleicht, dass das Ergebnis nicht von Beginn an vorliegen kann. Unsere Pilotschulen, ich und das Team vom HPI stehen daher vor der besonderen Herausforderung, die am Projekt interessierten Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler, Eltern, Schulleitungen, IT-Beauftragten, Schulträger, Partner usw. von der Mitarbeit an einem Pilotprodukt bzw. Prototypen überzeugen zu müssen, dessen Ergebnisse erst einmal offen bleiben. Gleichzeitig ist das Projekt – neben einer gründlichen Planung – gerade auch vom aktiven Mitwirken aller und von vielen nicht (direkt durch uns) steuerbaren Faktoren abhängig.

Auf der anderen Seite zielt der Projektansatz aber gerade darauf ab, trotz der vielen Herausforderungen vor allem auf die Potenziale zu schauen und sukzessive darauf zuzugehen. Schritt für Schritt hoffen wir so Erfolge und neue Möglichkeiten eines digitalen Wandels aufzeigen zu können, die andernfalls vielleicht gar nicht erst sichtbar würden.

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