Entgrenzung von Bildungsprozessen

Als Leiter des Educational Technology Lab des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI) widmet sich Prof. Dr. Christoph Igel der Unterstützung von Bildungs- und Qualifizierungsprozessen durch innovative Softwaretechnologien unter Nutzung von Methoden künstlicher Intelligenz (KI), u. a. in Unternehmen, Hochschulen und Schulen. Seit 2013 ist Professor Igel Vorsitzender der Expertengruppe „Intelligente Bildungsnetze“ im Rahmen der Fokusgruppe „Intelligente Vernetzung“ des Digital-Gipfels der Bundesregierung, berät Dax-Unternehmen und engagiert sich als Kurator in Stiftungen für Bildung, Europa und Nachhaltigkeit in der Gesellschaft.*

In seinem Beitrag skizziert Prof. Dr. Christoph Igel, wie einzelne Akteure und abgestimmte Herangehensweisen verstärkende Impulse in den Schulentwicklungsprozess hereintragen können. Digitale Bildung darf nicht als schmückendes Attribut einer technisch gut ausgestatteten Schule missverstanden werden, sondern als Zusammenwirken von technischer Ausstattung, didaktischen Konzepten und strategischer Schulentwicklung. Digitale Bildungsprozesse verlassen klassische Grenzen zwischen formaler und nichtformaler Bildung, sprich zwischen der Erarbeitung von Inhalten in Institutionen (Schule/Hochschule/Ausbildung) und zuhause/in der Freizeit (zum Beispiel durch Nutzung von Wikipedia, YouTube-Tutorials etc.).

Was könnte die Wirtschaft in die Schulen bringen?

Exemplarisch möchte ich auf zwei Möglichkeiten der Verzahnung eingehen: Schulen tun sich schwer hinsichtlich agiler Inhalte, neuer Methoden und zeitgemäßer Themen. Gerade dies ist eine Stärke der Wirtschaft, rasch und effektiv entsprechende Impulse aufzugreifen und umzusetzen. Warum soll nicht auch das System Schule – allgemeinbildend wie auch berufsbildend – hierfür die Schulpforten und Klassentüren öffnen? Und dies nicht nur hier und da in Projektwochen, vielmehr systematisch, strukturiert, in enger Verzahnung.

Es gäbe noch andere Ansatzpunkte der Verzahnung, etwa notwendige Überlegungen nach zukünftigen Kompetenzen und Formen des Kompetenzerwerbs, nach digital unterstützten Methoden von Qualifizierung und Bildung, nach der Öffnung von Ausbildungswerkstätten oder eines Corporate Trainings Centers für interessierte Schüler/innen. Und: Unternehmen könnten helfen, aus traditionellen öffentlichen Bildungsanstalten zukunftsstarke öffentliche „Unternehmen“ mit eigenem Profil am Bildungsmarkt zu machen.

Emotionalisierung und Individualisierung als Schlüssel?

Dialog, Information, Bildung in einem fast schon aufklärerischen Sinne ist dringlich geboten. Dabei müssen Herangehensweisen, Interessen und Kommunikationskanäle des/r Einzelnen im Vordergrund stehen. Mir ist bewusst, dass dies sehr aufwendig und kraftraubend ist, jedoch scheinen allgemein gehaltene Kampagnen und unspezifische Ansprachen in der heutigen Welt, nicht mehr hinreichend zu wirken. Zwei Prinzipien müssen realisiert werden: Emotionalisierung und Individualisierung. Die Erfahrung der letzten Jahre zeigt, dass vermeintlich zeitgemäße Dialogformate, Fachveranstaltungen, Kommunikations- und Marketingaktivitäten nur unzureichend wirken. Es gibt zu viele Plattformen, Portale und letztlich auch virale Ansätze, die zu viele Menschen in unserer Gesellschaft nicht mehr erreichen. Daher gilt es, persönliche Ansprachen vorzunehmen und verständliche Botschaften zu senden – und dies in einer gesamtgesellschaftlichen Anstrengung: mit bildungsnahen Initiativen, Vereinen, Gewerkschaften und vielen anderen mehr.

Wie sieht der Umbauprozess aus?

Seit mehreren Jahren vertreten zahlreiche Menschen aus Wissenschaft und Wirtschaft, aus Bildung und Politik die Meinung, dass die gegebene Kompetenzverteilung zwischen Bund und Ländern den neuen Gegebenheiten angepasst werden muss. Konkret gemeint ist die Abschaffung des Kooperationsverbotes, also die grundgesetzliche Regelung, dass der Bund keinen Einfluss auf die Bildungspolitik der Länder, etwa durch Finanzierung von Bildungsmaßnahmen, nehmen darf. Wenngleich seit der Föderalismusreform 2006 die Bund-Länder-Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Forschungsförderung mit „Zustimmung aller Länder“ erlaubt ist, wäre hier viel mehr möglich.
Es geht aber auch die Frage damit einher, welche Zuständigkeit auf Bundes- und Länderebene der beruflichen Bildung zugeordnet wird. In einer wachsenden Bildungs- und Wissenschaftsgesellschaft müssen mehr staatliche und Unternehmensinvestitionen erfolgen: es muss einen DigitalPakt Bildung auch für die Hochschulen und berufliche Bildung geben – gemeinsam getragen von Bund, Ländern, Wirtschaft und Gesellschaft.
Kaum wahrgenommen und nur unzureichend unterstützt wird auch der Bereich der non-formalen Bildung – dieser muss dringend gestärkt werden. Und bitte nicht nur mit Einmalinvestitionen und der Finanzierung von Leuchtturmprojekten. Und noch ein letzter Impuls: wir brauchen zur Zukunftssicherung auch Bestenförderung – warum gibt es eigentlich noch keine flächendeckenden „Digitalen Eliteschulen"?

Fazit

Die gesamte formale Bildungslandschaft befindet sich in einem Transformationsprozess, der einer umfassenden, strategischen Ausrichtung bedarf. Digitale Bildung sollte nicht als schickes „Add-on“ verkauft werden, sondern in die gesamte Profilentwicklung einer Institution passen und konsequent, strukturiert und systematisch umgesetzt werden. Unternehmerisches Denken kann mit seiner lösungsorientierten, auf Effizienz ausgerichteten Herangehensweise positive Impulse beisteuern.

Die Fragen stellte Caroline Meynen, freie Journalistin.
*Anmerkungen der Blog-Redaktion sind kursiv gekennzeichnet.

Welche Rahmenbedingungen brauchen Schulen aus Ihrer Sicht für die Zukunft? Eher mal „in Ruhe arbeiten lassen“ oder gezielt äußere Impulse setzen, damit sich die Lebensbereiche der Jugendlichen oder auch die betriebliche Realität nicht zu stark entkoppeln?

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