Einblicke in die Praxis der Pilotschulen: Hohenstaufen-Gymnasium Kaiserslautern

Kein Ersatz, sondern Ergänzung

Am 18.12.2017 sind Lehrende und Lernende (Lehrerinnen und Lehrer sowie ein Oberstufenkurs von Schülerinnen und Schülern) aus den MINT-EC-Pilotschulen am Hasso-Plattner-Institut in Potsdam zum Tagesworkshop „Design Thinking“ zusammengekommen. Beim Erlernen der Kreativitätstechnik stand inhaltlich die Schul-Cloud-Anwendung im Fokus. Dabei wurden neue Ideen für einen niederschwelligen Zugang entwickelt. Die folgenden, zum Teil während des Workshops entstandenen Interviews und Erfahrungsberichte zeigen den unterschiedlichen Stand der Umsetzung und geben praktische Rückmeldungen aus Schulen in verschiedenen Bundesländern (Rheinland-Pfalz, NRW, Niedersachsen und Berlin). Sie erscheinen im wöchentlichen Abstand ab der zweiten Januarwoche bis Mitte Februar 2018.

Bildnachweis: Hohenstaufen-Gymnasium Kaiserslautern

Dr. Carsten Mayer unterrichtet NaWi - Naturwissenschaften am HSG in Kaiserslautern. Es handelt sich dabei um den in Rheinland-Pfalz seit 2008/2009 fächerübergreifend erteilten Unterricht in den Fächern Biologie, Physik und Chemie. Am HSG haben die MINT-Lehrkräfte einen schuleigenen, gemeinsamen Lehrplan entwickelt, nach dem die jeweiligen Klassen parallel unterrichtet werden.

Wann hat Ihre Schule mit dem Ausbau der IT-Infrastruktur begonnen?

Unsere Schule hat sehr früh begonnen, zugleich war es ein langsamer Prozess. Mit „sehr früh“ meine ich, dass wir schon vor ca. 15 Jahren – mit einer Sondergenehmigung des Landes Rheinland-Pfalz – den ersten Informatik-Leistungskurs eingerichtet haben. Fachsäle wurden mit Beamern ausgestattet, hinzu kamen mobile Projektionsgeräte, die damals noch sehr teuer waren. Die Breitbandausstattung wurde vor zehn Jahren eingerichtet, seit drei Jahren besteht eine feste Kooperation mit der TU Kaiserslautern. Das Hohenstaufen-Gymnasium ist eine TU-Mint-Net Schule, mit 8-9 Schulen aus der Region zusammen. Jährlich laufen beispielsweise ca. 40 MINT- und gesellschaftswissenschaftliche Projekte (z.B. in Erdkunde) gemeinsam mit der Technischen Universität Kaiserslautern; diese übernimmt auch die Begleitforschung zur iPad-Klasse an der Schule (unter Leitung von Frau Prof. Dr. Schiefner-Rohs). Seit vier Jahren haben wir diese iPad-Klasse in der 9./10. Jahrgangsstufe, in der ich auch ein Jahr unterrichtet habe – meine Fächerkombination ist Mathe/Physik.

Kann ich mich für die iPad-Klasse bewerben als Schüler*?

Das Interesse ist sehr groß, aber bewerben können sie sich nicht. Die Schule wählt in einem transparenten Verfahren eine iPad-Klasse aus. Die Geräte werden durch den Schulträger angeschafft. Diese Tablet-Klasse ist gleichzeitig auch eine Klasse in der Pilotphase der Schul-Cloud.

Was ist anders in der Schul-Cloud-Klasse?

Zu Beginn, als es die Schul-Cloud noch nicht gab, haben wir das Ziel ausgegeben: „Ersatz der Schulbücher“ und alle Bücher digital angeboten – auch wenn es die zum Teil noch gar nicht gab bei den Verlagen. Viele Kollegen sind gern in das Projekt mit eingestiegen. Der Neuerungseffekt durch die neuen Endgeräte verfliegt bei unseren Schülern sehr schnell, nach etwa ein bis zwei Wochen. Nach einem halben Jahr ist die große Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit im Präsentieren und digital gestützten Vorstellen festzustellen; die Medienkompetenz der iPad-Klasse ist hoch. Das bedeutet nicht, dass die Inhalte hochwertiger wären! Trotz der technischen Möglichkeiten sind die Schüler es noch nicht gewohnt, die Möglichkeiten des kollaborierenden Lernens komplett auszuschöpfen, und zum Beispiel einen Text gemeinsam zu erstellen. Sehr gut angenommen wird hingegen die Möglichkeit, Präsentationen digital zum Abgabedatum nachzureichen (sprich in den Abendstunden in die Cloud einzustellen). Ich stelle fest, dass manche Schüler schon mal morgens im Bus auf die Schul-Cloud klicken, um zu schauen, was das Programm / die Materialien des Tages sind. Das machen nicht alle, aber an dieser Stelle zeigt sich der spielerische Zugang zum digitalen Angebot ganz gut.

Wie ändert sich Ihre Arbeit dadurch?

Bei der Vorbereitung zuhause überlege ich mir, welche Inhalte ich – für die Schüler sichtbar - in die Schul-Cloud einbinde und was meine eigenen, nur für mich verfügbaren Notizen sind. Beim Thema Atomkraft haben wir uns beispielsweise zunächst 5-Minuten-Videos von „Planet Wissen“ angeschaut und hinterher daraus ein ganz klassisches Tafelbild erarbeitet. Ich teile meine Materialien mit den Fachkollegen aus den MINT-Fächern, im Bereich NaWi (Naturwissenschaften) arbeiten wir ohnehin übergreifend (auch vorher schon, ohne digitale Möglichkeiten) – in Biologie, Chemie und Physik haben wir einen gemeinsamen Lehrplan.

Situation im Kollegium

Wir werden voraussichtlich nicht alle Lehrkräfte davon überzeugen können, die Schul-Cloud aktiv im Unterricht zu nutzen. 25 Prozent aktiven Nutzern steht etwa der gleiche Prozentsatz entschiedener Gegenstimmen gegenüber, der Rest befindet sich in der Mitte. Unserer Schulleitung ist es wichtig, dass keine digitale Zwei-Klassen-Gesellschaft entsteht, in der die einen aktiv gestalten, und die anderen sich abgehängt fühlen. Außerhalb der MINT-Fächer gibt es zum Beispiel in Geschichte und Erdkunde fantastische Materialien.

Mein Verständnis der digitalen Erweiterung:

Ich teile das Grundverständnis der Schul-Cloud: hier geht es nicht um Ersatz, sondern um eine zeitgemäße Ergänzung der klassischen Unterrichtsmöglichkeiten. Einen Riesensprung sehe ich in der Verfügbarmachung einer funktionierenden Lernplattform, die bestehende Teillösungen integriert (wie zum Beispiel Geogebra im Mathematik-Unterricht). Ich persönlich glaube, dass Lernen immer ein sozialer Prozess bleiben wird. Ich sehe uns in zehn Jahren nicht im „flipped classroom“, in dem die Rollen zwischen Lehrenden und Lernenden dauerhaft vertauscht sind.

Was ich mir in Zukunft von der Schul-Cloud wünsche:

In meiner Zukunftsvision bekommt jeder Schüler ein Endgerät vom Schulträger zur Verfügung gestellt. Es gibt keine Computerkabinette (Rechnerräume) mehr. Die Schul-Cloud verfügt über webbasierte Tools, so dass ich Textverarbeitung und Tabellenkalkulation in der Cloud vorfinde – Kompatibilitätsprobleme (beispielsweise zwischen Linux und Windows-Betriebssystemen) sind derzeit ein Hauptproblem. Die Materialsuche ist übersichtlich strukturiert. Große Firmen bekommen das doch jetzt schon hin, dass ich mich von überall auf der Welt über ein VPN (Virtual Private Network) in die Firmenserver einloggen kann und dort arbeiten kann – das wünsche ich mir für die Schule auch. Die Zusammenarbeit und der Austausch mit den anderen MINT-EC-Pilotschulen hilft im derzeitigen Aufbauprozess ungemein. Ich bemühe mich, zeitnah Feedback zu geben an die Programmierer vom HPI.

*Ein sprachlicher Hinweis der Redaktion: Es sind stets Personen männlichen und weiblichen Geschlechts gleichermaßen gemeint; aus Gründen der einfacheren Lesbarkeit wird im Folgenden nur die männliche Form verwendet.

Die Fragen und Anmerkungen stellte Caroline Meynen, freie Journalistin per Telefon am 21.12.2017. Die Lufthansa hatte wegen winterlicher Wetterbedingungen am 18.12. in Frankfurt-Flughafen 170 Flüge annullieren müssen, so dass Herr Dr. Mayer und seine Kollegin nicht persönlich teilnehmen konnten.

Das Interview führte Caroline Meynen, freie Journalistin.
Bildnachweis Blog-Foto: HPI/K. Herschelmann

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