Die Unterrichtsstunde der Zukunft

Wer wir sind?

Florian, Juliane, Dominik & Dominik, Max und Raoul... Wir sind das Bachelor-Team der Schul-Cloud und studieren im fünften Semester am HPI. Und wir alle haben unsere Schulzeit noch gut in Erinnerung: Computer, die schon vor der Jahrtausendwende nicht mehr aktuell waren, Tageslichtprojektoren statt Beamer, und Funklöcher am liebsten in Stunden, in denen wir unsere Handys einmal im Unterricht einsetzen durften. Wir wollen mithelfen das zu ändern: Mit der Schul-Cloud! Wir sammeln Ideen, besuchen Schulen und Industriepartner und setzten unsere Vorschläge dann aktiv in Code um. Das hier ist unser Blog.

Die Unterrichtsstunde der Zukunft

In Neustrelitz besuchte unser Bachelorprojekt-Team das Gymnasium Carolinum. Direktor Henry Tesch führte uns zwei Tage lang durch Vorzeigeprojekte seiner Schule. Besonders eine Englischstunde hinterließ einen bleibenden Eindruck

Auf einmal standen wir im Klassenraum. Leicht gehetzt aus einer Mathestunde der achten Klasse. Der Englischlehrer lächelte: „So typical for students. Always late...“ Und begrüßte uns einladend mit der Hand: „Welcome to my Museum of Modern Art,“ so standen die Wörter an der Tafel. Unsere Blicke drehten sich im Raum... An den Wänden hingen Poster mit QR-Codes. Seit wann bestand moderne Kunst aus schwarz und weißen Quadraten? Wir setzten uns an Tische, von denen jeweils drei im Kreis angeordnet waren. Und Mr. Cabrera begann zu erklären: „Please scan the codes on the walls” Die Schüler neben uns waren mit iPads ausgerüstet: „And team up together, students and pupils. Describe the pictures to your partner and discuss each of the picture’s message.” Und wir liefen verwundert zu den Bildern und sollten uns gegenseitig erklären, was wir sahen. Was die Bilder bedeuteten? Oder wie wir sie interpretierten... Aus allen Ecken des Klassenraumes klang das Getuschel: Da war ein Kameramann in Grafitfarben, der eine Blume filmte, die er mit seinen Händen aus den Boden pflückte... Oder ein Junge, der ein übergenährtes Touristenpaar auf einer Kutsche durch eine Betonlandschaft zog.
Am Ende wollten wir kaum auf unsere Plätze zurückkehren, nachdem die Schüchternheit zwischen Schülern und Studenten gebrochen war. Aber Mr. Cabrera wollte fortfahren, die Stunde war streng getaktet. Wir redeten kurz über die Wirkung der Bilder auf uns, und dann stellt er die entscheidende Frage: „So what is your definition of street art?“ Schüler und Studenten setzen sich wieder in den bestehenden Zweierteams zusammen und schrieben mit Fingern ihre Antworten. Nearpod heißt das Programm. Ein interaktives PowerPoint, über das Mr. Cabrera seine Präsentation an alle Tablets im Raum sendete.
„And what do you think? Is graffiti vandalism?” Fragte er lächelnd. Und diesmal stimmten wir ab... Zwischen Ja und Nein und weiß nicht: In den Zweiergruppen tuschelten wir, aus welcher Perspektive wir die Frage beantworten sollten: Aus einem rechtlichen Sinne? Aus einem moralischen oder ästhetischen Sinne? Und das Tortendiagramm mit der Antwort erschien auf der nächsten Slide... Das Ja überwiegte mit 45% vor dem Nein mit 30%. „And what about street art? Is that vandalism?“ Hier fielen die Antworten interessanterweise balanciert aus. „Okay, so do you have any clue who is the artist behind the pictures? Do you know, who is known to be the most famous street artist?“ Betretenes Schweigen. Niemand wollte eine überstürzte Antwort hereinrufen. Schließlich flüsterte Raoul: „Banksy?“ Noch recht zweifelnd. Der Lehrer nickte. Und schon klickten unsere Köpfe: Von wem stammten die Bilder am Anfang der Stunde? Auf den iPads blendeten einige der Bilder von Banksy ein: Eine Reihe von Punks und Ökofaschisten, die vor einer Bude standen, um ein T-Shirts zu kaufen, auf dessen Logo „Destroy Capitalism“ prangte. „It’s quite ironic, isn’t it?“ Begann eine Schülerin. „Yeah, they try to fight against capitalism and become part of what they hate so much,” antwortete Raoul aus unserem Team. „But is Banksy’s art vandalism?“ Das war wieder der Lehrer. Und wir begaben uns in die nächste Abstimmungsrunde. Diesmal antworten 13 von 14 iPads mit Nein „Karl? Why did you choose no?“ Fragte der Lehrer den Ausreißer, der überrascht blinzelte, dass er seine Entscheidung begründen sollte. „I made a mistake,“ zögerte er schließlich hervor. Mr. Cabrera drängte ihn nicht weiter. Fast schade. War es nun eine falsche Antwort oder ein schwimmen gegen die Mehrheit? „And who of you would go so far and put Banksy’s art into a museum?” Fragte Mr. Cabrera. Eine neue Umfrage. Und wir wechselten das Programm und spielten ein Video auf den Tablets ab. Ein Video über Banksy, wie er das Museum in Bristol mit seiner Kunst besetzt hatte. Zwei Minuten lang... Von ChickenNuggets, die in einem Käfig Süßsaure-Soße dippten, zu einem Gemälde des britischen Parlaments, in dessen urwaldgrünen Sitzreihen sich statt Abgeordneten eine Horde Affen tummelte. BookWidgets heißt das Programm und es ließ uns im Anschluss acht Multiple-Choice-Fragen zu dem Video beantworten. Am Ende erhielt Mr. Cabrera die Antworten der Schüler zu jeder Frage in einer Statistik gelistet auf einen Bildschirm neben der Tafel. Bei Frage sechs zum Beispiel hatte der gesamte Kurs schlecht abgeschnitten: „How much money is Banksy earning with the exhibition?“ Und wir diskutierten. Warum? War die Frage missverständlich formuliert? Aus der letzten Reihe antwortete jemand: “It was too loud in the room... And not enough time. The question itself wasn’t hard.” Am Ende waren wir etwas unvorbereitet und ohne Kopfhörer in die Stunde geplatzt. Mr. Cabrera hielt sogar Kopfhörer auf Reserve bereit – aber leider nicht für uns alle. Er nickte: „Okay so there is only one last question to discuss today: How can street art influence the society?” Und mit unseren Fingern konnte wir zeichnen, malen schreiben, und so unsere Antworten visuell auf den Tablets entstehen lassen...
„Criticize society.“ War zum Beispiel die Antwort von Raouls Gruppe, über dessen Schriftzug eine Sonne strahlte... Ein zweites Bild erschien, dieses Mal ein kalter Schriftzug: „Banksy wants to show people their mistakes... How they are destroying our planet, overconsuming and taking the future away from their children.”Nur bevor wir die Diskussion vertieften, verkündete die Wanduhr, dass die 45 Minuten abgelaufen waren. Lehrer und die Schüler wanderten weiter. Und wir waren wieder unter uns, zu erstaunt darüber: Für einen Tag wieder Schüler zu sein...

Unsere Lektionen:

Das war ein Paradebeispiel für eine gelungene Unterrichtsstunde. Wo ist das Problem? Abgesehen davon, dass die notwendige Software für den englischsprachigen Markt entworfen wurde, ist auch die Lizenzierung nur teilweise kostenlos. Mit der Schul-Cloud entwickeln wir eine Lösung, mit der Schulen zukünftig nicht mehr für die Infrastruktur bezahlen, sondern ausschließlich für die Lehrmittel, die ihnen von außerhalb bereitgestellt werden. Wie heutzutage eben Schulbücher.  Aber auch dort lässt sich mehr Potenzial schaffen: Können Lehrer bald eigene Inhalte entwickeln, zum Beispiel indem wir ihnen einen Editor an die Hand geben? Fest steht: Es gibt viel zu tun, bis die neuen Medien so weit in den Hintergrund treten, wie aktuell Papier und Tafel. Um den Schülern den Raum zu geben, sich nicht vom Umgang mit den Medien, sondern von den Inhalten herausfordern zu lassen. Sie anzuregen und ihnen neue Blickwinkel und Perspektiven auf Wissen zu öffnen. Die Revolution der Bildung in Deutschland beginnt heute: Mit uns, mit Euch und jedem, der daran teilnehmen möchte!