Heute erscheint der zweite Teil des Artikels von Prof. Dr. Christoph Meinel. Im ersten Teil wurde bereits einleitend auf die öffentliche Debatte um die digitale Bildung eingegangen und angemerkt, dass sich Kritiker der Modernisierung zunehmend in gesellschaftlichen Fragen und vermeintlichen Gefahren verstricken sowie diverse Ebenen der Digitalisierung vermischen.

Betrachtet man das Thema der digitalen Bildung näher, so wird deutlich, dass vier Ebenen von zentraler Bedeutung sind: Infrastruktur, Lerninhalte, Interaktionssoftware und didaktische Konzepte. Diese Ebenen müssen für eine sinnvolle Diskussion um Digitalisierung in der Bildung separat analysiert werden. Nachdem im ersten Teil bereits die Infrastruktur und digitale Lernsoftware betrachtet wurden, sollen nun die Möglichkeiten digitaler Interaktionssoftware sowie die Potentiale didaktischer Konzepte erläutert werden.

Interaktionssoftware

Die wichtigste Neuerung, die die Digitalisierung in der Bildung bietet, ist die Möglichkeit der Nutzung moderner Interaktionslernsoftware. Dabei gibt es prinzipiell zwei Arten von Interaktionssoftware: Responsive Software und Kollaborationssoftware.

Responsive Software sind z.B. intelligente Vokabeltrainer, die sich merken, welche Vokabeln ein Schüler bereits beherrscht und welche nicht. Die Software kann so gezielt diejenigen Vokabeln üben, die noch nicht beherrscht werden und individuell auf den Leistungsstand eines Schülers eingehen. Kollaborationssoftware ermöglicht es Schülern, an unterschiedlichen Orten miteinander zu kommunizieren und gemeinsam Aufgaben zu lösen. Klassen- oder schulübergreifende Projekte und Kooperationen mit Partnerschulen im Ausland können so einfach organisiert und Projektfortschritte leicht dokumentiert werden.

Das kollaborative Tool neXboard in der HPI Schul-Cloud

Allerdings gibt es hier hohe rechtliche Hürden. Die Regeln bei der Nutzung interaktiver Lernsoftware (nicht nur) im Schul-Kontext sind gemäß der europäischen Datenschutzverordnung DSGVO ganz klar: Es ist illegal, intelligente Programme im Schulunterricht zu nutzen, wenn nicht zuvor alle Eltern dem explizit zugestimmt haben. Wenn Schüler 16 Jahre alt werden, müssen auch sie ihre Zustimmung erteilen. Dies gilt für jede einzelne Software (und sogar für größere Updates ein und derselben Software), weil diese personenbezogene Daten verarbeiten können muss, um den Lernenden eine individualisierte Nutzung zu ermöglichen. Es ist klar, dass unter diesen Voraussetzungen die Nutzung intelligenter Software maximal erschwert ist.

Die HPI Schul-Cloud löst dieses Problem, indem die digitale Lernumgebung durch Pseudonymisierungstechniken vom LernStore mit seinem Angebot an verschiedensten Lerninhalten und interaktiver Software getrennt wird. Dann reicht es aus, die Einwilligung von Eltern und Schülern zur Verarbeitung personenbezogener Daten nur einmal einzuholen und zwar für die Nutzung der Schul-Cloud-basierten digitalen Lernumgebung, in der Schüler und Lehrer alle ihre Dokumente erstellen und ablegen, Unterrichtsdaten, -vorbereitungen und -nachbereitung speichern können und die Interaktions- und Kollaborationsmedien verfügbar macht. Die responsiven Lerninhalte sind von dort sicher (DSGVO-konform) und ohne jede Funktionseinschränkung über Pseudonyme erreichbar.

Wenn diese Bedingungen geklärt sind, kann die öffentliche Debatte über mögliche Konzepte und Einsatzpotenziale und –grenzen in interaktiver Lernsoftware im Unterricht richtig stattfinden.

Didaktische Konzepte

Weil es in Deutschland bislang an digitaler Infrastruktur für Schulen fehlt, können digitale Lerninhalte im alltäglich Unterricht nicht bzw. kaum Anwendungen finden und interaktive Lernsoftware ist ohne korrekte datenschutzspezifische Vorkehrungen praktisch verboten. Der Mangel an zuverlässigen Forschungsdaten aus breit angelegten Studien verhindert auch, dass kluge didaktische Konzepte zum sinnvollen Einsatz digitaler Medien im Schulunterricht entwickelt werden und in die Lehrerausbildung einfließen. Stattdessen machen in der gesellschaftlichen Debatte demagogische Parolen wie „digital macht dement“ die Runde und bemänteln die bisherige Unfähigkeit unserer Gesellschaft, die Herausforderungen der Digitalisierung für die Schulen anzunehmen und zu meistern.

Die Auseinandersetzung mit Potenzialen und Grenzen digitaler Bildung setzt zwingend voraus, dass die Frage der Infrastruktur und des sicheren Zugriffs auf die Lerninhalte geklärt ist. Nur dann wird es möglich, zu evaluieren, wie und wann digitale Lernangebote nutzbringend angewendet werden können. Es ist einfach unlauter, den Ausbau digitaler Infrastruktur zu behindern, weil man es nicht gut findet, dass interaktive Lernsoftware im Unterricht eingesetzt und genutzt wird, oder weil man meint, dass es dazu an didaktischen Konzepten fehlt.

Wenn wir im deutschen Schulsystem den Anschluss an die von der Digitalisierung rasant getriebenen Entwicklung nicht vollkommen verlieren wollen, müssen wir in der öffentlichen Debatte zu einem rationalen und ergebnisoffenen Diskurs kommen, der die Potentiale und Grenzen digitaler Bildung vorurteilsfrei eruiert. Das wird aber nur gelingen, wenn die verschiedenen Ebenen – digitale Infrastrukturen und Schul-Cloud, interaktive digitale Lernsysteme und didaktische Konzepte – nicht wie in der Vergangenheit miteinander vermischt werden.

Hinweise der Redaktion
Bildnachweise: HPI/K. Herschelmann
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